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Bild von Josh und Jack auf dem Klavier

Mit Fokus auf den Prozess – Im Gespräch mit Jack Vanzet und Josh Hooke

Jack Vanzet von Thrupence und der preisgekrönte Pianist Josh Hooke verbinden klassische Komposition und zeitgenössische elektronische Musik in großer Harmonie.

Klassische Musik und zeitgenössische elektronische Musik mögen wie gegenüberstehende Welten erscheinen, eine mit einer tief verwurzelten Geschichte, die sich über Jahrhunderte erstreckt, und eine mit einer ständig fortschreitenden Zukunft. Gleichwohl teilen beide Genres viele Momente der Harmonie. 

Jack Vanzet, ein multidisziplinärer Künstler, Designer und Musikproduzent aus Melbourne in Australien, produziert seit 2010 Musik unter dem Namen Thrupence. In jüngster Zeit hat sich das musikalische Werk von Vanzet zu klassisch inspirierten Werken entwickelt, in denen er traditionelle Instrumente mit zeitgenössischen Elektronik- und Pop-Einflüssen vereint. 

Bild von Josh und Jack am Klavier

In der letzten Phase des Lockdowns hat sich Vanzet mit dem preisgekrönten klassischen Pianisten Josh Hooke aus Melbourne zusammengetan. Hooke tritt regelmäßig als Rezitalist, Konzertsolist und Kammermusiker in Australien, Europa und Großbritannien auf. Er hat bei einer Reihe bedeutender Pianisten studiert, darunter Ian Holtham und Imogen Cooper in London. Er war zudem einer der letzten Schüler von Paul Badura-Skoda in Wien. In der Kombination haben ihre unterschiedlichen Hintergründe aus den Bereichen der Musik und bildenden Kunst zu „Composites" geführt – einer musikalischen Zusammenarbeit, bei der der Prozess im Mittelpunkt steht.

Im Anschluss an die filmische und traumhafte Klanglandschaft von Vanzets Veröffentlichung „Piano Works" aus dem Jahre 2019, die mehrere Millionen Streams über Apple Music und Spotify erreichte, ist „Composites" eher auf ein Minimum reduziert und bot sowohl Vanzet als auch Hooke einen neuen Ort, um musikalische Ideen außerhalb der Musik, mit der sie aufwuchsen, zu erkunden. „Ich bin der Sohn eines Musiklehrers und war als Kind der Musik immer sehr nahe“, sagt Josh Hooke. „Ich hatte das Glück, Lehrer und Mentoren zu haben, die mir eine wirklich große Vielfalt an Musik nahegebracht haben.“

 

„Ich hatte das Glück, Lehrer und Mentoren zu haben, die mir eine wirklich große Vielfalt an Musik nahegebracht haben.“ – Josh Hooke

 

„Ich ging einen ziemlich geraden Weg, der vom Aufwachsen mit klassischer Musik über Klavierunterricht in jungen Jahren reichte – viel Bach, Beethoven, Mozart“, fährt er fort. „Ich nehme an, dies färbt ausnahmslos bei jedem Streifzug in zeitgenössischere Musikstile ab. Es war schön, einen Spagat zwischen diesen beiden Welten in diesem letzten Jahr zu vollziehen.“
 

Bild von Jack am Klavier

Vanzet hat einen leicht gegensätzlichen musikalischen Hintergrund. „Ich bin Autodidakt mit größerem Fokus auf die Technik. Während die meisten Ideen am Klavier beginnen, nutze ich Layers und Loops, um Songs zu komponieren“, sagt er.

„Ich war schon immer von Klängen und Melodien fasziniert und davon, wie sie Emotionen hervorrufen können“, erläutert Vanzet. „Ich erinnere mich, dass ich als Kind unglaublich starke Reaktionen auf Musik hatte, sowohl bei klassischer als auch bei elektronischer Musik. Ich glaube oft, dass ich versuche, dasselbe Gefühl in meiner eigenen Musik nachzubilden und zurückzugewinnen. Ein 2-Akkord-Loop kann mich emotional genauso berühren wie das Hören einer 40-minütigen Komposition von Beethoven. Musik ist auf diese Weise magisch – sie erinnert mich daran, Dinge nicht zu kompliziert zu betrachten, sondern auf den Bauch und das Gefühl zu vertrauen.“

 

„Klänge und Melodien und wie sie Emotionen hervorrufen können, haben mich schon immer fasziniert. Ich erinnere mich, dass ich als Kind unglaublich starke Reaktionen auf Musik hatte, sowohl bei klassischer als auch bei elektronischer Musik. Ich glaube oft, dass ich versuche, dasselbe Gefühl in meiner eigenen Musik nachzubilden und zurückzugewinnen.“ – Jack Vanzet, Thrupence

 

„Composites" wurde während der Pandemie geschrieben und ist das Ergebnis von Vanzets und Hookes Wunsch, mit zeitgenössischer und klassischer Musik zu experimentieren. Sie haben die Zusammenarbeit beschrieben als „durch die Methode geprägt und die Methode hat das Konzept geprägt“. „Composites" wird vor allem zu einer klanglichen Manifestation eines Arbeitsprozesses.

„Es bestand anfangs nicht die Absicht, die Musik auf dem Album zu veröffentlichen – es war nur etwas, das uns während des Lockdowns 2020 beschäftigt hielt. Wir schickten uns gegenseitig kurze Ideen und Skizzen zu, an denen wir gearbeitet hatten. Dabei versuchten wir jeweils, die Ideen des anderen zu erweitern und darauf aufzubauen“, erklären sie. 

„Irgendwann hatten wir eine Herangehensweise an das Gesamtwerk. Also, die Methode, Ideen aufzunehmen, langsam auszubreiten und darauf aufzubauen und sie schließlich zu einem Werk zusammenzufügen, führte uns zum Konzept von „Composites". Wir haben diese Idee auch auf die visuelle Seite des Projekts erweitert. Dabei haben wir gescannte Bilder von Texturen, Farben und Linienzeichnungen zusammengestellt, um eine Serie von Kunstwerken zu entwickeln, die größer sind als die Summe ihrer Teile.“ 

 

„Der Titel des Albums, 'Composites', spielt auf den Prozess und weiter nichts an. Wir wollten den Zuhörern Raum lassen, um die Musik auf ihre eigene Weise zu interpretieren. Sie sollen frei in ihrer Erfahrung mit dem Album zu sein.“

 

Vanzet und Hooke konnten sich ausschließlich auf den Vorgang des Musizierens konzentrieren. Die Titel, die wir auf dem Album hören, werden zu Markern für fertige kreative Prozesse. „Die einzige Absicht, die wir hatten, war es, so unspezifisch wie möglich zu sein. Der Titel des Albums spielt auf den Prozess und weiter nichts an. Wir wollten den Zuhörern Raum lassen, um die Musik auf ihre eigene Weise zu interpretieren. Sie sollen frei in ihrer Erfahrung mit dem Album sein.“ 

Beim Gespräch über die Aufnahmegeräte für „Composites" entpuppte sich ein unerwartetes Gerät als ziemlich passend und wurde somit zu einem wichtigen Werkzeug während des Aufnahmeprozesses.

Bild von Josh am Klavier

„Die wichtigste Ausrüstung war in der Tat die Memo-App auf unseren Telefonen. Sie war das wichtigste Werkzeug, mit dem wir unsere Ideen hin- und hergeschickt haben“, erklären sie. „Abgesehen davon kam für die Aufnahmesitzungen keine High-End-Ausrüstung zum Einsatz. Wir wollten alles so bodenständig und zugänglich wie möglich halten.“ 

Dieses unkomplizierte Ethos erstreckte sich auch auf die Instrumente und Geräte, die im Studio verwendet wurden. „Wir haben tatsächlich einige Sessions damit verbracht, das gesamte Album auf einem Steinway Model D in einem wunderschönen Saal aufzunehmen. Wir fanden jedoch, dass die Aufnahmen zu sauber klangen und nicht dem ursprünglichen Konzept des Projekts entsprachen. Also kehrten wir wieder zum gewöhnlichen schwarzen Klavier zurück. Ein Modell, das man in typischen Wohnzimmern findet. Dazu nutzten wir eine einfache Soundkarte sowie zwei nah platzierte Kondensatormikrofone.“ 

 

„Ich glaube, wir waren beide überrascht, wie nahtlos diese beiden Stile - klassische und elektronische Musik -, die auf den ersten Blick gegensätzlich sind, so reibungslos zusammenarbeiten können.“ – Josh Hooke

 

Auf den ersten Blick kann es einige Herausforderungen mit sich bringen, klassische und elektronische Musik miteinander zu verbinden. Hooke und Vanzet haben jedoch viele Momente gefunden, in denen die beiden Stile wunderbar miteinander verschmelzen. „Ich glaube, wir waren beide überrascht, wie nahtlos diese beiden Stile - klassische und elektronische Musik -, die auf den ersten Blick gegensätzlich sind, so reibungslos zusammenarbeiten können.", sagt Hooke. „Während wir Ideen austauschten, begannen wir beide zu erkennen, dass es so viele Dinge gibt, die in ihrem Kern sehr ähnlich sind, etwa die Herangehensweise an die Struktur, das Schreiben gut konstruierter Kompositionen usw.“

Bild von Josh und Jack am Klavier

Für Vanzet fühlte sich der Arbeitsprozess an „Composites" auch wie eine Form von Befreiung an. „Zu sehen, wie Josh mit meinen Ideen arbeitete, eröffnete neue Möglichkeiten und bot mir eine frische Perspektive auf meinen eigenen Arbeitsprozess. In der Lage zu sein, eine Erzählung anhand der Songstruktur zu erzählen, ist nicht ausschließlich einem bestimmten Musikgenre vorbehalten. Obwohl es sich also um sehr unterschiedliche Welten handelt, teilen sie viele der gleichen Prinzipien.“ 

 

„Es war wirklich aufregend, einen Einblick aus erster Hand in die Grundlagen des klassischen Musizierens und der Komposition zu erhalten, zur Stimmführung, weshalb eine Harmonie sauberer klang als eine andere, eine Melodie fließender und so weiter.“ – Jack Vanzet, Thrupence

 

„Composites" entstand in Form eines Experiments mit Musikstilen. Es scheint, dass sowohl Vanzet als auch Hooke durch dieses Experiment Elemente des jeweils anderen musikalischen Hintergrunds als neue Erkenntnisse lernend aufgenommen haben. „Für mich war es wirklich aufregend, einen Einblick aus erster Hand in die Grundlagen des klassischen Musizierens und der Komposition zu erhalten“, sagt Vanzet. „Zur Stimmführung, weshalb eine Harmonie sauberer klang als eine andere, eine Melodie fließender und so weiter.“

Dem schließt sich Hooke an. „Jack bei der Arbeit hinter dem Pult zuzusehen, wie er das eine oder andere anpasst, um den Klang zu verändern, und zu hören, wie genau er Farben und Texturen steuern kann, war wirklich spannend.“
 

Diese Zusammenarbeit zwischen klassischer Musik und moderner Technologie zeigt, wie sich elektronische Musik weiterentwickeln und organisch werden kann, und dabei auf ähnliche Weise wie herkömmliche Instrumentierung atmet. Es geht darum, die Bereiche zu finden, in denen die Musik natürlich zusammenpasst. Dieses Gefühl kommt auch bei der Zusammenarbeit zwischen den Partnern zum Tragen. 

„Ich glaube, wir hatten großes Glück, dass wir bereits gute Freunde und erst in zweiter Linie künstlerische Arbeitskollegen waren. Die Vorstellung der Zusammenarbeit wurde wirklich wichtig, als wir bemerkten, dass wir genug Musik für ein Album hatten“, so Hooke. „Ich denke, dass es ziemlich relevant ist, einen Punkt der Gemeinsamkeit zwischen den beteiligten Personen zu finden, bevor man sich an die Arbeit macht.“

„Weil ich Josh schon so lange kenne, bedeutete das, dass es nur wenige Dinge gab, die wir einander erklären oder die wir rechtfertigen mussten. Wir fühlten uns bezüglich keiner Aspekte besonders verletzlich oder abwehrend“, erklärt Vanzet. „In der Lage zu sein, ein Gefühl von Egoismus loszulassen und sich in den Dienst der Musik zu stellen, sollte das Ziel sein.“

 

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Text: Zainab Hassan